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Renate Bruce-Weber: Die fröhliche Violine

Renate Bruce-Webers 1986 bei Schott erschienes Schulwerk lässt uns nur erraten, für welche Altersgruppen sie das vorliegende Material zusammengetragen hat. So kann man von den zahlreich abgebildeten, geigespielenden Kindern her ableiten, dass die Zielgruppe vermutlich in der zweiten Hälfte der Grundschule anzutreffen ist - ein meines Erachtens recht später Anfang. Trotzdem ist das zweibändige Werk "Die fröhliche Violine" an deutschen Musikschulen recht häufig anzutreffen.

bruceweber1Die Einführung

Schon der Beginn läßt aufhorchen:
"Alle Affen Alabamas aßen Avocados gern. Emsig essen Englands Emus Erbseneintopf und Erdbeer'n. Die Dame denkt, es ist ein Drama, daß der Dackel Dahlien frißt."
Ich habe regelmäßig längere Zeit benötigt den Text zu klären, geschweige denn ihn auswendig singen zu lassen, als es dauern würde, den dahinterliegenden Grundgedanken auszuführen: leere Saiten streichen. Davon abgesehen, dass die Texte inhaltlich kompliziert, falsch und verwirrend sind, beinhalten sie auch ungeschickt angelegte Sprechrhythmen (Erdbeer'n), die einer rhythmischen Ausbildung der Schüler nicht gerade zuträglich sind. Allerdings unterlegt Bruce-Weber diese Leersaitentexte von Anfang an mit einer zweiten Stimme, was bereits das Gefühl von "Musikmachen" aufkommen lässt.
Auch spricht sie, ganz im Gegensatz zu Saßmannshaus' Schulwerk, den Schüler häufig direkt in Form von methodischen Eingriffen an. Diese ersetzen aber in keinster Weise die Erläuterungen des anwendenden Lehrers und dienen eher der Stütze für das häusliche Üben. Besonders negativ fallen die zahlreichen Fotos auf, die leider häufig Handstellungen zeigen, wie man es gerade nicht machen sollte. Vorallem das Halten der Violine auf dem Brustbein mutet etwas befremdlich an.
Die folgenden Lieder auf den leeren Saiten vermitteln vordergründig das Umgehen mit Pausen. Die Liedtexte beziehen sich nun ausschließlich auf die begleitende Lehrervioline. Recht spät führt sie den so wichtigen Wechselstrich an Hand einer Begleitstimme zu "Ho, unser Maat" ein. Bei einführenden Übungen wie der zum Saitenwechsel, bleibt uns die Autorin auflockernde Liedtexte schuldig.

Renate Bruce-Weber's Schulwerk ist eines der sehr wenigen, die den 4. Finger zum Einstieg favorisieren. Allerdings erwähnt sie bereits im Vorwort, dass dies dem Lehrer überlassen bleiben soll und dies ganz nach den Möglichkeiten des Schülers zu entscheiden ist. Trotzdem kann der Großteil der geigespielenden Welt diesen Beginn mit dem 4. Finger schon rein motorisch/anatomisch bedingt nicht nachvollziehen.
Es folgt der zweite Finger, den Bruce-Weber, wie die meisten ihrer Kollegen, der kleinen Terz wegen richtig vermittelt: Nämlich als Ruf- und Kuckucks-Terz. Daher beschäftigen sich die folgenden Lieder auch mit dem Rufen und dem Kuckuck. Die fehlenden Finger 1 und 3 werden beide gemeinsam mit der Erläuterung der 1. Griffart (Halbton zw. 2. und 3. Finger) vorgestellt. Damit kann das Liedspiel beginnen.

Die Lieder

Die "Fröhliche Violine" setzt auf eine Mischung aus eigenen "Kompositionen" und bekanntem Liedgut. Die bekannten Stücke, wie "Der Kuckuck und der Esel" besitzen durchaus sehr schöne Begleitstimmen. Auch sind die methodischen Aufbereitungen der Lieder gut gelungen. Die vermutlichen Eigenkompositionen mit ihren zu aufwändigen Texten, welche öfters eine schöne 2. Stimme vermissen lassen, halte ich für schwer vermittelbaren Unterrichtsinhalt. Hier beweisen die erschienenen Hefte von Paul de Kayser oder Sheila Nelson ein deutlich geschickteres Händchen im Umgang mit den Möglichkeiten unserer Kinder.
Schön ist der "Anhang" mit Liedern für besondere Anlässe.

Technik

Als sehr positiv sind die kurzen Einwürfe einiger für später gedachte Techniken, wie Flageolett, Lagenwechsel und Doppelgriffe zu bewerten. Bruce-Weber schafft es durchaus diese Schwierigkeiten spielerisch vorzustellen, ohne sie im Heft weiter zu verfolgen. Dies lockert auf und zeigt dem Schüler Ziele die es zu erreichen gilt, die vielleicht auch motivieren können.
Strichtechniken wie das legato führt die Autorin mit schwer ausführbaren Effekten, wie dem Arpeggio ein. Martelé (hier als staccato bezeichnet) wird sofort mit vielen, komplizierten Saitenwechseln gespielt. Für legato wird die Bezeichnung "Bindebögen" gewählt und martelé mit staccato verwechselt. Der Begriff ostinato wird allerdings in einer Fußnote behandelt. Für den gut geordneten Musikpädagogen sorgt diese Vorgehensweise für einige Verwirrung.
Lagenwechsel werden bereits zu Anfang so vermittelt, dass der lagenwechselnde Finger die Saite verlassen (springen) MUSS. Eigentlich eine anerkannte Unart unter Violinpädagogen.
In der Tonleitertechnik beschränkt sich Bruce-Weber, wie die meisten ihrer Kollegen, im ersten Band auf G-Dur, D-Dur und A-Dur, führt aber bereits Molldreiklänge (a, e, h) ein. Wie im Vorwort angekündigt, bewegt sich der Band I ausschließlich in der 1. Griffart.
Die frühe Einführung von Doppelgriffen, vorallem um den Oktavrahmen der linken Hand zu sichern ist wichtig und gelungen.

Fazit

Das Schulwerk aus dem Hause Schott kommt, bedingt durch die vielen methodischen Texte und die Einwürfe von Techniken, als Alleinwerk daher. Dafür ist es allerdings methodisch zu undurchdacht und in der Ausarbeitung unkonsequent. So gibt es keine durchgehend gleichbleibende Bezeichnung der Stricharten. Wichtige Begriffe aus der Violintechnik bleiben ungeklärt, die Begriffe "Babuschka" und "ostinato" hingegen bekommen Fußnoten.
Die eigenen Lieder der Schule bleiben durch die, wenn auch witzigen, so jedoch unvorteilhaften Texte, schwer vermittelbar. Man gewinnt nicht den Eindruck, mit Hilfe dieses Werkes ein ausreichend solides Fundament in der Violintechnik aufbauen zu können.
Trotzdem gibt es im Verlauf des Bandes einige sehr schöne Kleinode, die nicht zuletzt durch eine gelungene zweite Violinstimme gefallen ("Bauerkantate", "Ode an die Freude").

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