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Egon Saßmannshaus - Früher Anfang

Die Schulwerkreihe "Früher Anfang" galt lange Zeit und häufig auch heute zumindest im deutschsprachigen Raum als das Standardwerk für Anfänger. Saßmannshaus hat dieses Schulwerk nicht auf die vier Bände "Früher Anfang auf der Geige" beschränkt, sondern es auch für Adaptionen auf das Cello und die Bratsche weitergegeben. Außerdem sind zahlreiche Kammermusik-Hefte in dieser Reihe erschienen, deren Stücke an die des Schulwerkes angelehnt sind. Insgesamt wirkt Saßmannshaus' Arbeit zwar methodisch gut durchdacht, aber nicht zuletzt der gewöhnungsbedürftigen Illustrationen (Heinz Lauer) wegen auch recht antiquiert.

sassmannshaus"Früher Anfang auf der Geige" ist in vier Bänden erschienen. Dieser Artikel stellt lediglich den ersten Band vor.
An einigen Leersaitenübungen, die der Lehrer sicher noch selbst ausbauen sollte, werden vordergründig gerade, lange Bogenstriche und Wechselstriche (untere Hälfte - ganzer Bogen - obere Hälfte - ganzer Bogen) vermittelt. Bereits nach wenigen kurzen Übungen mit Saitenwechseln führt Saßmannshaus den 2. Finger ein. Grundanliegen ist hier sicherlich die kleine Terz, welche das erste Intervall ist, das Kinder nachempfinden und vorallem nachsingen können. Schließlich sind Kinderreime der ganzen Welt auf kleinen Terzen aufgebaut. Problem ist allerdings der damit verbundene Saitenwechsel. Legt man als Lehrer wert darauf, die Finger von Anfang an auf der Saite liegen zu lassen, kann dies an dieser Stelle zu einer unglaublich artistischen Übung für dem Schüler ausarten. Sicher gibt es Kinder, die damit kein Problem haben, aber vorallem kleine vier- und fünfjährige, für die die Schule ja ausgelegt sein soll, haben häufig noch ordentlich Babyspeck an den Händen. Für sie ist diese Vorgehensweise zum Scheitern verurteilt, weil sie die nebenliegende leere Saite mitberühren. Vom musikpsychologischen Hintergrund ausgehend, ist diese Reihenfolge aber durchaus nachvollziehbar und daher der richtige Schritt, wenn man ihn nicht als alleiniges Mittel betrachtet.
Auch die folgenden kleinen Liedchen fußen auf dem "Kleine-Terz"- und "Dur-Dreiklangs"-Prinzip. Sie führen bereits 3-schlägige Takte ein.

Jetzt bereits den 4. Finger einzuführen hat sicher die leicht zu hörende Prime zum Hintergrund. Auch hier ist es besser, des Schülers motorische Fähigkeiten zu betrachten und gegebenenfalls eine andere Reihenfolge zu wählen.
Der 1. Finger wird als alleiniger Finger auf dem Griffbrett eingeführt (Lieder mit 0-1), bevor in Koppelung mit dem 2. Finger erste kleine Melodien entstehen. Über die Feuerwehr-Quarte noch kurz den 3. Finger vorgestellt und das Liedspiel kann beginnen. Dabei stützt sich Saßmannshaus vorallem auf Althergebrachtes, wie "Summ, summ, summ", "Bruder Jacob" und alte deutsche Volkslieder.

Strichtechnisch wird, wie bereits erwähnt, mit langsamen Strichen begonnen (es gibt auch Schulen, die von schnellen Grundbewegungen auf der Geige ausgehen) und der Bogen von Anfang an in zwei Hälften geteilt. Dadurch lernt der Schüler automatisch die korrekte Bewegungsaufteilung in Oberarm und Unterarm, ohne sie explizit zu erwähnen. Außer dem grundlegenden detaché findet noch das martelé als gestoßene Strichart Anwendung. Kleine legato-Bögen und zwei portato-Aufstriche halten gegen Ende des didaktisch gut aufgebauten Schulwerkes noch Einzug und werden in den Liedern auch gleich an logischen Stellen angewendet.
Egon Saßmannshaus setzt das gesamte erste Heft auf die 1. Griffart und rückt auch bei den Tonleitern des Band I (G-Dur, D-Dur, A-Dur jeweils eine Oktave) nicht davon ab. Dur-Dreiklänge sind zuhauf in den Liedern versteckt.
Gerade zu Anfang des Heftes könnte aber das gebotene Material etwas knapp ausgefallen sein, wenn man die wenigen Einzeiler nicht mehrere Wochen lang benutzen möchte, weil beispielsweise der Wechselstrich oder der 2. Finger noch immer nicht zur Zufriedenheit ausgeführt wurde. Auch in der von Saßmannshaus gewählten Reihenfolge sollte der Lehrer kein starres System sehen, sondern diese an die Bedürfnisse seines Schülers anpassen.

Das verwendete Liedgut ist Geschmackssache. Einige werden froh sein vorallem solches Material geigentechnisch aufbereitet vorzufinden, anderen wird es vielleicht zu altbacken erscheinen. Es fällt außerdem auf, dass kein dargebotenes Lied eine zweite Stimme anbietet. Gerade in der Anfangsdurststrecke des Heftes sollte sich der anwendende Lehrer hier unbedingt etwas einfallen lassen.

Auch ansonsten ist die Saßmannshausschule nichts für "faule" Lehrer oder gar Autodidakten: Es werden keine methodischen Hilfestellungen gegeben. Im Gegenteil; Saßmannshaus gibt dem Lehrer große Freiheiten in der Vermittlung des dargebotenen Unterrichtsinhalts. Er ist effizient aufgebaut und kann gut durch eigenes Engagement erweitert werden. Negativ fällt auf, daß der Autor vermutlich doch sehr lange auf gleichen Materialien ausharrt. Das wird deutlich, wenn man sich die anderen Hefte der Reihe anschaut. Hier greift Saßmannshaus öfter auf Lieder dieses Bandes zurück, um beispielsweise andere Tonarten einzuführen oder die Kinder zu früher Kammermusik zu bewegen. Frei nach dem Gedanken: Einmal Gelerntes lässt sich stets gut weiter verwenden. Leider beschwört dieses Prinzip aber all zu häufig Ermüdungserscheinungen herauf.

Fazit:

Auch heute kann, durch den sehr guten methodisch-didaktischen Aufbau und die bevormundungslose Darbietung des Unterrichtsinhalts, die Schule von Egon Saßmannshaus nicht zum "alten Eisen" gezählt werden. Einige könnten sich jedoch an der gewöhnungsbedürftigen Illustration und dem althergebrachten und im Umfang zu geringen Liedgut stoßen.

Tipp:

  • das Schulwerk als Grundgerüst verwenden und mit eigenen Ideen erweitern
  • die didaktische Reihenfolge an die Möglichkeiten des Schülers anpassen


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