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Von Über-Geigen und dem Geschäft

"Oben in Katzelsdorf, einem Fleckchen vor den Toren Wiens, rückt der Himmel spürbar näher". Mit diesen Worten beginnt der Autor Carsten Holm seinen Artikel "Der Stradivari-Wahn" in der Spiegel-Ausgabe 50/2007 und beschreibt damit die Residenz des Geigenhändlers Dietmar Machold. Die Dorfbevölkerung weiß nicht viel über Machold, wohl aber, dass "Herr Professor" der Östereichischen Nationalbank eine weltweit einzigartige Geigensammlung beschafft hat und dass seine Geschäfte sehr, sehr gut laufen. Kaum jemand ahnt, dass der Schlossherr die Fäden im internationalen Geigenhandel zieht.

In erster Linie geht es natürlich um die Stradivari-Geigen, die bei Werten bis zu 6 Millionen Dollar und 30% Verkaufsprovision ein interessantes Handelsgut darstellen. Machold berichtet unter anderem über seinen ersten Strad-Verkauf nach Nordkorea im Jahr 1985 als das Instrument "nur" 285 000 Dollar kostete und diese in 1000-Mark-Scheinen am Checkpoint Charlie an der Berliner Mauer verkauft wurde. Von den mehr als tausend Instrumenten, die Stradivari bis zu seinem Todesjahr 1737 hergestellt hatte, sind heute noch etwa 600 Geigen, 60 Cello und 12 Violen erhalten.

Dass sich der Wert dieser Instrumente binnen weniger Jahre vervielfacht hat, beschreibt Machold als "ein Boom [...], der bisweilen wahnhafte Züge trägt". Da immer mehr Stiftungen und andere Institutionen Stradivaris und Guaneris für ihre Sammlungen kaufen, schrumpft das Angebot von frei verkäuflichen Strads bei steigender Nachfrage neuerdings auch aus China. Diese Entwicklung lässt die Preise in die Höhe schnellen.
Was aber ist der Grund dafür, dass ein ca. 500 Gramm schweres Instrument circa 500 mal so viel kostet wie dieselbe Menge an Gold? Natürlich der Klang, denn "Töne aus dem Holz von Stradivaris gelten in der Fachwelt als das Ideal des Violinklangs" schreibt der Autor. Als mögliche Gründe für die außergewöhnlichen Klangeingenschaften der Stradivaris gibt es diverse Spekulationen. Zum Beispiel eine Periode von harten Wintern die das Holz der Fichten langsamer wachsen ließen und eine ideale Holzstruktur mit grandiosen Klangeigenschaften schuf. Oder aber ein Sud aus Vulkanasche, Eiweiß und Wasser die Stradivari angerührt und auf die Instrumente aufgetragen haben soll.
Der Artikel zitiert auch bekannte Violinvirtuosen wie Anne-Sophie Mutter, Joshua Bell, Janine Jansen und Leonidas Kavakos die unter anderem davon berichten wie sie sich in den betörenden Klang der Instrumente nach nur ein paar Sekunden spielen verliebt hätten. Allerdings gibt es auch andere Stimmen wie die von Christian Tetzlaff, der selbst ein Instrument von Stefan-Peter Greiner spielt. Dieser meint: "Es gebe vielleicht gerade 15 Stradivaris die über allen anderen stünden." Die anderen seinen schlichtweg maßlos überteuert.
In dem unübersichtlichen Markt von echten Stradivaris gibt es zu dem noch diverse Fälschungen. Im Jahre 1937 untersuchte ein Jury in Cremona rund 2000 angebliche Stradivari und konnte gerade 40 Instrumenten die Echtheit bestätigen.
Der zweite Teil des Artikels beschäfftigt sich mit dem Handel von historischen Instrumenten. Leider sind die Business-Methoden der Händler weit weniger edel als die Instrumente, um die es sich dreht. Das sogenannte "Killing" scheint eine gebräuchliche Methode, um die Strad eines Konkurrenten schlechtzureden oder sogar als Fälschung darzustellen. Andere Geschäfte wiederum könnten sogar gerichtliche Konsequenzen nach sich ziehen.
Außerdem laufen die Verkäufe häufig über mehrere Stationen, wobei jeder Zwischenhändler eine ordentliche Provision verdient und der Geigenpreis damit in die Höhe getrieben wird. Kommt es bei solch einem Eckgeschäft zu Zahlungsschwierigkeiten, zieht das gleich internationale Kreise. Der Artikel erzählt von haarsträubenden Verstrickungen, stets am Rande der Legalität. 

Der Bremer Instrumenten-Händler Dietmar Machold steht immer wieder in der Kritik seiner Kollegen, weil er zu hohe Schätzungen für Instrumente abgibt. "Die Händler sind eigentlich permanent im Krieg. Aber sie schmieden immer wieder Bündnisse, kurzfristige Kartelle zur Geldvermehrung". Am Ende lässt der Autor den niedersächsichen Geigenbaumeister Roger Hargrave, der "sich schon vor langer Zeit zwischen Kunst und Kommerz entschieden" hat, nocheinmal zu Wort kommen. Der Geigenhandel ist zu einem "undurchschaubaren Dickicht " geworden, dass "von oben bis unten" stinkt. Dabei bleibt nur der Trost, "dass es in der Geigenbranche nicht dreckiger zugeht als im Teppich- oder im Antiquitätenhandel".

Abgesehen von einer persönlichen Erfahrung mit dem Unternehmen "Machold Rare Violins" in Bremen kann ich selbst wenig zum Thema Geigenhandel mit historischen Instrumenten sagen. Vor einigen Jahren bin ich als Student bei meiner Suche nach einer neuen Geige mit einem, für die Kategorie "alte Instrumente" scheinbar geradezu lächerlichem Budget losgezogen. Nach einigem Suchen bin ich dann auf eine sehr schöne neue Geige (Baujahr 2003) aus der Geigenbauwerkstatt Ekkard Seidl in Markneukirchen gestoßen und durfte diese dann schon recht bald mein Eigen nennen. Klanglich fand ich dieses neue Instrument schon damals überzeugender als alles was ich für ein ähnliches und auch für mehr Geld an alten Instrumenten probiert hatte. Sicherlich hatten die alten Instrumente die ich probiert hatte nicht im entferntesten etwas mit 300 Jahre alten italienischen Geigen zu tun, aber das so unterschiedliche Preis-Leistungs-Verhältnis gerade in diesem niedrigeren Preissegment war damals für mich geradezu erschreckend.
Vor ein paar Jahren hatte ich auch einmal die grandiose Gelegenheit ein Stradivari Violine in den Händen zu halten und auch zu spielen. Abgesehen von einer großen Ehrfurcht vor so einem alten Instrument und etwas zittrigen Händen, wenn man 1,6 Millionen Euro in den Händen hält, muss ich sagen, dass ich etwas vermisst hatte beim Spielen. Es mag auch an meiner technischen Unvollkommenheit gelegen haben, aber mir fehlte irgendwie dieses 1,6-Millionen-Euro-Gefühl. So fiel es mir auch nicht schwer danach wieder mit viel Freude und Genuss meine Seidl-Geige zu spielen. Insofern kann ich, basierend auf meiner marginalen Erfahrung, die These des Stradivari-Wahns und der daraus resultieren Überteuerung der Instrumente bestätigen. Trotzdem war es etwas ganz Besonderes und WAHNsinnig spannend mal so ein Instrument zu erleben.

Quelle: Der Spiegel (50/2007) - "Der Stradivari-Wahn" von Carsten Holm

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