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Früh übt sich ...

Am Wochenende bin ich beim Zeitungsstöbern über einen sehr kleinen  Artikel der aktuellen "Die Zeit" (Nr. 43/2007) über den Klaviervirtuosen Igor Kamenz gestolpert. Es ging dabei weniger um eine Auseinandersetzung mit seiner Entwicklung, sondern der profanen Mitteilung, dass der in Deutschland ansässige Russe zwar mehr als 70 Wettbewerbe bespielt, bereits im zarten Alter von zehn Jahren mit dem Taktstock in der Hand vor Leonid Breschnew im Kreml dirigierte, aber trotzdem nicht im Pianisten-Olymp angekommen sei; gefolgt von einer schnöden Kritik seiner jüngsten Beethoveneinspielung. Doch was verbindet diese Randnotiz mit der Violinpädagogik?

Ganz einfach: Auch bei den Streichern sinkt das "Einstiegsalter". Angefangen mit vier, erste große Konzerte mit sieben, kann bei großen Wettbewerben U19 nur punkten, wer möglichst früh bereits die Effekthascherei, die Zirkusnummer auf der Geige beherrscht. Die Kinder - oft getrieben von Wettbewerb zu Wettbewerb, in schlecht besuchten Räumen vor Jurys spielend, abhängig von einem zunehmend subjektiv wachsendem Urteil. Die Konkurrenz näher denn je, das Urteil gleichgültig. Sie heischen nach bekannten Erfolgen ihrer großen Vorbilder, wollen Sie nicht nur erreichen, sondern übertreffen. Carmenfantasie bitte mit 9 und nicht erst mit 12 Jahren. Der Neid lässt schnell bemerken, dass diese armen Geschöpfe doch keine Kindheit hätten. Gezwungen zu unkindlichen, stundenlangen Übeorgien und entfremdet von ihrer natürlichen Umwelt. Betrachtet man die Individuen aber genauer, erkennt man kaum Zwang, keine durch den Übealltag entstandene Tristes. Sie spielen begeistert, wirken kämpferisch und konzentriert wie minderjährige Leistungssportler bei Olympia.
Selbst bei kleineren und regionaleren Events dieser Art beobachtet der Aufmerksame das immer wiederkehrende Spiel. "Jugend musiziert"-Teilnehmer spielen in den meisten Fällen an der Grenze des persönlich technisch machbaren. Jurys vergleichen unverhohlen Leistungen unterschiedlicher Altersgruppen, weil sich die Literatur überschnitt. Nicht zuletzt die lieben Eltern und Kollegen, welche sich darüber definieren, mit welchem Alter ihr Schützling bereits dieses oder jenes Werk gespielt hat. Es scheint fasst wie ein Sport, zu vergessen, wieviel Noten(Kon)text ein achtjähriger gesund zu bewältigen weiss. Ist es die Eifersucht minderbegabter Personen andere in direkten Vergleichen brillieren zu sehen, ist es die Extravaganz der Eltern die eigenen Kinder auf einen höheren Sockel stellen zu wollen oder ist es der Sport der Lehrer, ihre Schützlinge wie "Trainer" dem Ziel entgegen zu peitschen? Kann es soviele Hochtalente geben, wie man sie zur Zeit allein in Deutschland zu hören meint? Wo hört Begabung auf und wo beginnt das Unnatürliche?
Eine sehr erfolgreiche Kollegin und gute Freundin meinte einmal zu mir: "Mirko, in einen Wettbewerb steckt man kein Herzblut, sondern in das Konzert ..."

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